Einrichtungsstile im Überblick: Welcher Stil passt zu mir?
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Skandinavisch, Japandi, Mid-Century, Industrial, Art Déco, Wabi-Sabi. Wer sich mit Interior Design beschäftigt, hat diese Vokabeln schon gelernt. Aber kaum hat man sie drauf, kommt jemand mit Soft Brutalism oder Space-Age Revival um die Ecke.
Einrichtungsstile sind trotzdem praktisch. Sie geben uns eine gemeinsame Sprache für Farben, Materialien, Formen und Atmosphären. Wenn du weißt, dass du Mid-Century Modern liebst, kannst du gezielter nach einem Sideboard suchen, als wenn deine Beschreibung ungefähr „aus Holz, aber cool“ lautet.
Nur sind Einrichtungsstile eben keine Persönlichkeitstypen. Du musst dich auch nicht für einen entscheiden und ihm anschließend treu bleiben. Und aus wohnpsychologischer Sicht ist ohnehin eine andere Frage für uns mindestens genauso interessant, wie die nach deinem Geschmack: Wie möchtest du dich in deinen Räumen fühlen – und welche Art von Umgebung unterstützt dich dabei?

Denn Menschen nehmen Räume unterschiedlich wahr. Persönlichkeit, Alltag, Erfahrungen und die eigene Wohngeschichte können beeinflussen, wie viel Farbe wir mögen, wie viel visuelle Anregung uns guttut, wie wichtig uns Ordnung ist oder wie wohl wir uns zwischen vielen Dingen fühlen.
Für die wohnpsychologischen Zusammenhänge in diesem Artikel greifen wir unter anderem auf die Arbeit von Dr. Sally Augustin zurück. Die US-amerikanische Umweltpsychologin beschäftigt sich damit, wie die Gestaltung unserer Umgebung unser Denken, Fühlen und Verhalten beeinflussen kann. Viele der hier beschriebenen Untersuchungen fasst sie in ihrem Buch Designology zusammen.
Deshalb bekommst du hier keinen weiteren Katalog nach dem Schema „Scandi = helles Holz, Industrial = Metall“. Zumindest nicht nur. Wir schauen uns die wichtigsten Einrichtungsstile und auch die Newcomer kompakt an – aber vor allem schauen wir darauf, was aus Sicht der Wohnpsychologie an ihnen interessant ist.
Welche Einrichtungsstile gibt es?
Eine offizielle Liste sämtlicher Einrichtungsstile gibt es nicht. Manche Stilbegriffe stammen aus der Architektur- und Designgeschichte, andere beschreiben kulturelle Gestaltungstraditionen, wieder andere sind Mischformen, die irgendwann einen eigenen Namen bekommen haben.
Für diesen Überblick haben wir zehn Stilrichtungen ausgewählt, die im heutigen Interior Design besonders relevant sind. Landhaus, mediterraner Stil, Bauhaus und einige andere dürfen sich bitte nicht persönlich zurückgewiesen fühlen. Eine vollständige Enzyklopädie aller Wohnstile würde den Rahmen dieses Artikels sprengen – deshalb konzentrieren wir uns auf eine Auswahl, an der sich besonders gut zeigen lässt, wie unterschiedlich Einrichtungsstile aussehen und auf uns wirken können.
1. Skandinavischer Einrichtungsstil: Sehr viel mehr als Weiß und helles Holz
Der skandinavische Einrichtungsstil, auch Scandi oder Skandi genannt, gehört inzwischen zum Interior-Grundwortschatz. Funktionale, klare Möbel, natürliche Materialien, Holz, Textilien und viel Licht sind charakteristisch. Die Farbwelt wird heute oft mit Weiß, Beige, Grau und sanften Naturtönen verbunden.
Diese Vorstellung greift allerdings zu kurz. Skandinavisches Design hat eine wesentlich farbenfrohere Seite - dazu kommen wir später noch.
Der Wunsch nach einem gemütlichen, unkomplizierten Zuhause bekam während der Corona-Jahre noch einmal besondere Aktualität. Scandi war damals längst etabliert, aber Konzepte wie Hygge passten ziemlich perfekt zu einer Zeit, in der das eigene Zuhause plötzlich sehr viel mehr leisten musste als vorher.

Wohnpsychologie: Wie viel Input darf dein Zuhause liefern?
Hier wird Scandi interessant. Wohnpsychologische Untersuchungen zeigen Unterschiede zwischen eher introvertierten und eher extrovertierten Menschen: Extrovertiertere Menschen bevorzugen tendenziell reichhaltigere sensorische Umgebungen, während introvertiertere Menschen sorgfältiger kuratierte, zurückhaltendere Räume bevorzugen. Auch bei der Farbsättigung zeigen sich entsprechende Tendenzen.
Das macht Scandi natürlich nicht automatisch zum „Stil für Introvertierte“. Persönlichkeit lässt sich nicht so einfach in einen Einrichtungsstil übersetzen. Aber die kontrollierte Farbpalette, klare Gestaltung und häufig geringere visuelle Komplexität können gut zu Menschen passen, die in ihren Räumen nicht permanent neue Reize suchen.
2. Japandi: Der Labradoodle unter den Einrichtungsstilen
Beim Japandi treffen zwei Designtraditionen aufeinander und aus der Verbindung entsteht etwas Eigenes. Ein bisschen wie beim Labradoodle, der aus der Liebe zwischen Labrador und Pudel hervorging - nur dass sich bei Japandi skandinavisches und japanisches Design gefunden haben.
Die Verbindung funktioniert so gut, weil beide Stile trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft Gemeinsamkeiten haben: Funktionalität, Handwerk, natürliche Materialien, reduzierte Formen und eine Wertschätzung für Dinge, die nicht bloß dekorativ herumstehen.
Typisch für Japandi sind Holz, Stein, Keramik, Leinen, gedeckte Naturfarben und eine eher reduzierte Einrichtung. Gegenüber dem populären Scandi-Look ist die Farbwelt häufig etwas dunkler und erdiger, die Oberflächen dürfen unregelmäßiger und handwerklicher wirken.

Wohnpsychologie: Reduktion heißt nicht Leere
Bei Japandi kommt es nicht darauf an, wie wenig in einem Raum steht, sondern wie bewusst ausgewählt wird, was dort steht.
Ein zurückhaltender Raum muss nicht unpersönlich sein. Ein handgefertigtes Gefäß, ein Möbelstück aus einem Material, das man gerne berührt, oder ein Objekt mit persönlicher Bedeutung kann in einer reduzierten Umgebung sogar stärker wahrgenommen werden, weil es weniger Konkurrenz bekommt.
In der Wohnpsychologie geht es darum, eine Umgebung zu schaffen, deren sensorische und visuelle Informationen zu dem Menschen passen, der darin lebt.
3. Wabi-Sabi: Ist das nicht einfach Japandi ohne Skandinavien?
Die Verwechslung liegt ziemlich nahe. Beide haben japanische Wurzeln, beide mögen natürliche Materialien, Handwerk und eine gewisse Zurückhaltung. Trotzdem meinen sie etwas Unterschiedliches.
Wabi-Sabi ist eigentlich kein Einrichtungsstil im klassischen Sinne, sondern hat seine Wurzeln in einer viel älteren, japanischen, ästhetischen und philosophischen Haltung. Vereinfacht gesagt geht es um die Schönheit des Unvollkommenen, Vergänglichen und Unprätentiösen.
Deshalb passen Materialien dazu, die altern dürfen: Holz mit Gebrauchsspuren, unregelmäßige Keramik, Naturstein, Leinen, matte und handwerkliche Oberflächen. Macken und Kratzer vergangener Jahrzehnte sind unbezahlbare Patina und kein Makel.
Japandi dagegen ist eine moderne Designmischung aus japanischen und skandinavischen Einflüssen. Wabi-Sabi kann Japandi beeinflussen, ist aber nicht dasselbe. Die handgedrehte Keramikschale mit unregelmäßiger Glasur kann sehr Wabi-Sabi sein. Stellst du sie auf ein schlichtes, skandinavisches Sideboard aus hellem Holz und kombinierst beides zu einer reduzierten Einrichtung, bewegen wir uns langsam Richtung Japandi.

Wohnpsychologie: Dinge dürfen eine Geschichte haben
Wir bauen Bindungen zu Orten und Gegenständen auf. Dinge können Erinnerungen transportieren und etwas über unsere Identität erzählen. Dr. Sally Augustin beschreibt in Designology, wie stark die Personalisierung eines Raums dazu beitragen kann, dass wir ihn tatsächlich als unseren eigenen erleben.
Das passt wunderbar zu Wabi-Sabi. Der alte Holztisch mit den Spuren von zwei Generationen Familienessen kann psychologisch wertvoller sein als sein makelloser Nachfolger. Nicht trotz seiner Kratzer, sondern möglicherweise gerade wegen der Geschichte, die an ihnen hängt.
4. Mid-Century Modern: Design aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, das einfach nicht gehen will
Mid-Century Modern bezeichnet die moderne Gestaltung rund um die Mitte des 20. Jahrhunderts, vor allem der 1940er- bis 1960er-Jahre. Typisch sind klare Linien, organische Formen, schlanke Möbelfüße und Materialien wie Teak, Nussbaum, Leder, Glas und Metall.
Dass die Entwürfe heute noch so modern wirken, hat viel mit der Haltung der Designer*innen dieser Zeit zu tun: Form follows function. Alles Überflüssige wurde weggelassen, Funktion, gute Proportionen und Materialqualität rückten in den Mittelpunkt. Gleichzeitig machten neue Herstellungsverfahren vieles möglich, was vorher kaum denkbar war: Holz ließ sich in neue Formen pressen, Stahlrohr wurde zu leichten Möbelkonstruktionen und Kunststoff eröffnete völlig neue gestalterische Möglichkeiten. Dazu kam ein fast demokratischer Gedanke: Gutes Design sollte durch industrielle Fertigung nicht länger nur einer kleinen, wohlhabenden Gruppe vorbehalten sein.
Funktionale und offene Grundrisse sowie Farben wie Oliv, Rost, Senf oder warme Brauntöne sind typisch für diese Zeit.
Am spannendsten finden wir Mid-Century, wenn nicht das komplette Wohnzimmer aussieht, als hätte Don Draper aus Mad Men gleich ein Meeting darin. Ein Vintage-Sideboard, ein Designklassiker oder eine Leuchte aus dieser Zeit kann mit sehr zeitgenössischen Möbeln großartig funktionieren.

Wohnpsychologie: Kann man nostalgisch nach einer Zeit sein, die man nie erlebt hat?
Mid-Century ist ein schönes Beispiel dafür, dass unsere Beziehung zu Einrichtung nicht ausschließlich aus persönlichen Erinnerungen entsteht. Auch Filme, Musik, Mode, Architektur und Geschichten prägen das Bild, das wir von einer Epoche haben. Die 50er- und 60er-Jahre haben dafür einiges zu bieten: geschwungene Möbel, Petticoats, Nierentische, amerikanische Straßenkreuzer, kräftige Farben und diesen unverkennbaren Zukunftsoptimismus der damaligen Zeit.
Manche alten Möbel tragen dieses Gefühl regelrecht mit sich herum. Bei einem Eck-Sideboard aus den 60ern, das sich mit einem gekonnten Schwung in eine kleine, geheime Bar verwandeln lässt, fragt man sich automatisch, was dieses Ding wohl für Geschichten erzählen würde, wenn es könnte.
Genau diese Geschichten, echte und vorgestellte, können einen Teil der Faszination von Vintage ausmachen.
5. Art Déco: Geometrie, Glamour und high-class Materialien
Art Déco wurde vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren prägend. Der Stil liebt Geometrie, Symmetrie, starke Formen und luxuriöse Materialien: dunkles Holz, Marmor, Glas, Lack, Messing oder Chrom, Samt und kräftige Farben. Die Pariser Ausstellung von 1925, die Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes, gab dem Stil später seinen Namen.
Und falls du Art Déco und Art Nouveau regelmäßig durcheinander bringst: Willkommen im Club.
Art Nouveau – bei uns eng mit dem Jugendstil verwandt – kam zuerst. Die Stilrichtung entwickelte sich bereits im späten 19. Jahrhundert und ist geprägt von geschwungenen, häufig asymmetrischen Linien, Pflanzenmotiven und organischen Formen. Art Déco entwickelte sich später und wurde in den 1920ern groß. Seine Formensprache ist stärker geometrisch, stilisiert und symmetrisch. Typisch sind strahlenförmige Motive.
Art Nouveau liebt die geschwungene Linie der Natur, Art Déco die stilisierte Geometrie. Oder als schnelle Merkhilfe: Art Nouveau rankt, Art Déco strahlt.
Das ist designhistorisch etwas grob, funktioniert aber beim nächsten Antiquitätenmarkt ganz gut.

Wohnpsychologie: Darf dein Zuhause Eindruck machen?
Art Déco ist nicht gerade für seine Bescheidenheit bekannt. Samt, Marmor, glänzende Metalle, kräftige Farben und dekorative Details dürfen zeigen, dass sie da sind – und genau darin liegt ein interessanter wohnpsychologischer Aspekt.
Denn unser Zuhause erfüllt auch ein Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Repräsentation. Mit unserer Einrichtung zeigen wir etwas von unserer Persönlichkeit, unseren Werten, unserem Geschmack und manchmal eben auch von unserem Status. Manche Menschen möchten das stärker nach außen tragen als andere und genießen Räume, die Eindruck machen, besonders gestaltet wirken oder Gästen etwas über ihre Bewohner*innen erzählen.
Art Déco bietet dafür natürlich eine ziemlich gute Bühne. Der Stil zelebriert hochwertige Materialien, Glamour und eine gewisse Opulenz, statt sie dezent im Hintergrund verschwinden zu lassen. Wer Freude daran hat, sein Zuhause zu inszenieren und Gäste mit einem kleinen „Wow“ zu empfangen, dürfte hier einiges finden, was dieses Wohnbedürfnis anspricht.
6. Industrial Style: Roh, dunkel, direkt
Beim Industrial Style wurden Elemente ehemaliger Fabriken, Werkstätten und Lagerhallen zur Wohnästhetik. Seine Wurzeln liegen vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren, als insbesondere in Städten wie New York leerstehende Industriegebäude zunehmend als Ateliers und Lofts genutzt, aber nicht komplett „wohnlich gemacht“ wurden. Statt Backsteinwände, Rohre, Stahlträger oder Beton zu verstecken, blieben viele dieser Elemente sichtbar – zunächst aus ganz praktischen Gründen und später ganz bewusst als Teil der Gestaltung.
Metall, Beton, Backstein, Leder, dunkles Holz, sichtbare Konstruktionen und große, eher geradlinige Möbel wurden so zu typischen Merkmalen des Stils. Oberflächen dürfen rau sein und Materialien müssen nicht so tun, als wären sie etwas anderes.
Cool und authentisch wird Industrial, wenn die Materialien wirklich Qualität und Charakter haben. Ein Raum voller industriell aussehender Möbel, die zufällig alle aus derselben Möbelhaus-Serie stammen, meinen wir hier ausdrücklich nicht! :-)

Wohnpsychologie: Warum Industrial oft als „maskulin“ wahrgenommen wird
Industrial ist keineswegs ein reiner Männerstil. Auffällig ist trotzdem, dass viele seiner typischen Merkmale genau den Gestaltungscodes entsprechen, die in Befragungen eher als maskulin wahrgenommen werden: dunkle Farben, massive Formen, matte Oberflächen, gerade Linien und wenig Ornament. Hellere, glänzendere, schlankere und geschwungenere Formen werden dagegen häufiger als feminin gelesen.
Das erklärt zwar keine individuellen Vorlieben, aber sehr wohl, warum Industrial auf viele Menschen spontan „männlicher“ wirkt.
7. Minimalismus: Wenig ist nicht automatisch wenig Persönlichkeit
Minimalismus hat seine Wurzeln unter anderem in Kunst, Architektur und Design des 20. Jahrhunderts und wurde besonders ab den 1960er-Jahren als Gegenbewegung zu Überfluss und dekorativer Überladung prägend. Im Interior Design bekam die Idee später immer wieder neue Schübe – einen besonders großen in den 2010er-Jahren. Aufräumen, Decluttering, weiße Räume und die Frage, welche Dinge man wirklich braucht, wurden beinahe zu einer eigenen Lebensphilosophie. Marie Kondo dürfte daran nicht ganz unschuldig gewesen sein.
Beim minimalistischen Einrichtungsstil wird bewusst reduziert. Weniger Möbel, weniger Dekoration, klare Linien und eine begrenztere Farbpalette sorgen dafür, dass einzelne Elemente mehr Gewicht bekommen.
Inzwischen bewegt sich das Pendel allerdings wieder in die andere Richtung. Farbe, Muster, persönliche Gegenstände, Vintage und stärker geschichtete Interiors gewinnen an Bedeutung; Maximalismus und Eklektizismus liegen in aktuellen internationalen Designerbefragungen deutlich vor Minimalismus. Verschwinden wird der Stil deshalb nicht. Seine Rolle als scheinbare Universalantwort auf gutes Interior Design bekommt aber zunehmend Konkurrenz.
Dabei ist Minimalismus ohnehin nicht zwangsläufig weiß, beige oder steril. Auch ein dunkler oder farbiger Raum kann minimalistisch sein. Entscheidend ist eher die Reduktion auf ausgewählte Elemente.

Wohnpsychologie: Ordnung ist nicht allen Menschen gleich wichtig
Hier lohnt sich ein Blick auf ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal: die Gewissenhaftigkeit. Wohnpsychologische Untersuchungen zeigen, dass gewissenhaftere Menschen tendenziell mehr Ordnung und visuelle Symmetrie bevorzugen und eine stärkere natürliche Neigung haben, Unordnung in Schach zu halten. Menschen mit geringerer Gewissenhaftigkeit sind deswegen nicht „unordentlich“ im moralischen Sinne – Ordnung hat für sie schlicht eine andere Priorität und muss durch die Umgebung möglicherweise stärker unterstützt werden.
Ein streng reduzierter Raum kann deshalb für die eine Person wunderbar klar wirken, während eine andere darin zu wenig persönliche oder visuelle Anregung findet. Und natürlich können auch Bücher, Kunst und Pflanzen in einem minimalistischen Zuhause wohnen.
8. Boho: Ein Zuhause, das gesammelt aussehen darf
Boho ist die Kurzform von Bohemian – und hinter dem Namen steckt mehr Geschichte, als die heutige Kombination aus Rattan, Kelim und Makramee vermuten lässt. Der Begriff wurde im 19. Jahrhundert zunehmend mit Künstler*innen Schriftsteller*innen und anderen Menschen verbunden, die bewusst außerhalb der bürgerlichen Konventionen lebten. Daher kommt bis heute die Idee des Unkonventionellen, Kreativen und individuell Zusammengestellten.
Als Einrichtungsstil lebt Boho von Textilien, Mustern, Pflanzen, Naturmaterialien, Kunsthandwerk, Vintage und persönlichen Fundstücken. Einflüsse aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen treffen dabei aufeinander; die Farbpalette kann erdig und zurückhaltend sein, aber genauso kräftig und kontrastreich.

Wohnpsychologie: Deine Dinge erzählen etwas über dich
Hier kommt die sogenannte Aneignung ins Spiel. Menschen haben ein starkes Bedürfnis, ihre Umgebung zu personalisieren. Wir stellen Fotos auf, bringen Bücher mit, hängen Kunst auf, verändern Möbel und hinterlassen unsere eigenen Spuren.
In der Wohnpsychologie gilt diese Personalisierung als wichtiger Teil davon, wie wir uns einen Ort zu eigen machen. Gleichzeitig kommunizieren wir über unsere Umgebung etwas über unsere Identität: was uns wichtig ist, wofür wir uns interessieren, wo wir waren oder woran wir uns erinnern möchten.
Deshalb kann ein Boho-Raum voller persönlicher Fundstücke psychologisch etwas völlig anderes sein als ein Raum, der zwar dieselbe Ästhetik bedient, aber nichts über seine Bewohner*innen erzählt.
9. Maximalismus: Mehr. Aber mit Konzept.
Beim Maximalismus dürfen Farbe, Muster, Kunst, Bücher, Sammlungen, Tapeten, Textilien und besondere Möbel gleichzeitig stattfinden. Aktuell gehört Maximalismus international zu den deutlich sichtbaren Stilrichtungen: In der 1stDibs Designer Trends Survey für 2026 nannten 39 Prozent der 468 befragten Designprofis Maximalismus als gefragte Ästhetik, Eklektizismus kam auf 38 Prozent.
Maximalismus bedeutet allerdings nicht, jeden freien Quadratmeter zu besetzen. Gute maximalistische Räume arbeiten genauso mit Komposition, Wiederholung, Rhythmus und Hierarchie wie reduzierte Räume - sie haben nur wesentlich mehr Mitspieler.

Wohnpsychologie: Manche Menschen brauchen einfach mehr
Wohnpsychologisch ist spannend, dass extrovertiertere Menschen tendenziell mehr sensorische Anregung mögen. Mehr Farbe, mehr visuelle Eindrücke, unterschiedliche Texturen und eine lebendigere Umgebung können ihnen eher entsprechen als Menschen, die Reize stärker verarbeiten und schneller genug davon haben.
Auch wenn jemand tendenziell sehr offen für neue Erfahrungen ist, kann das dazu führen, dass ungewöhnliche Kombinationen, Kunst und wechselnde Eindrücke besonders reizvoll sind. Das macht Maximalismus natürlich nicht automatisch zum Zuhause für extrovertierte Kreative. Es erklärt aber, warum ein Raum voller Farben, Kunst und Objekte für einen Menschen herrlich anregend sein kann, während jemand anderes froh ist, wenn nach Feierabend wenigstens die Wand stillhält.
10. Eklektischer Einrichtungsstil: Wenn mehrere Epochen miteinander klarkommen müssen
Der eklektische Einrichtungsstil kombiniert bewusst unterschiedliche Stile, Epochen und Einflüsse: Mid-Century neben Contemporary, eine Antiquität unter moderner Kunst, Chrom neben altem Holz.
Eklektisch bedeutet nicht, dass jedes Stück zum nächsten passen muss. Im Gegenteil: Ein Teil des Reizes liegt gerade in den Brüchen. Damit daraus trotzdem ein gestalteter Raum und keine zufällige Ansammlung wird, helfen wiederkehrende Farben, Materialien, Formen oder Proportionen.

Wohnpsychologie: Persönlichkeit darf sichtbar sein
Eklektische Räume bieten viel Platz für Identität. Dinge können aus unterschiedlichen Lebensphasen stammen, Interessen zeigen, Erinnerungen tragen oder schlicht deshalb ausgewählt worden sein, weil jemand eine ungewöhnliche Kombination liebt.
Damit wird die Frage „Welcher Einrichtungsstil bist du?“ allerdings langsam zu klein. Ein Zuhause kann Einflüsse aus mehreren Stilrichtungen tragen und trotzdem unverkennbar nach einer Person aussehen.
Was hat dein Einrichtungsstil mit deiner Persönlichkeit zu tun?
Wer seinen Einrichtungsstil finden möchte, beginnt meistens beim Geschmack: Welche Räume gefallen mir? Welche Farben liebe ich? Welche Möbel würde ich kaufen?
Wir stellen unseren Kund*innen noch ganz andere Fragen:
Bist du eher kontaktfreudig oder zurückhaltend?
Fühlst du dich wohler mit einem Plan oder bist du eher spontan?
Probierst du gerne Neues aus oder bleibst du lieber bei Bewährtem?
Solche Fragen stehen tatsächlich in unserem Design Briefing. Nicht aus Neugier, sondern weil Persönlichkeit Einfluss darauf haben kann, welche Umgebung uns unterstützt. Die Umweltpsychologie beschäftigt sich genau mit diesen Beziehungen zwischen Menschen und ihrer gebauten bzw. gestalteten Umwelt.
Dr. Sally Augustin, auf deren Arbeit wir uns dabei unter anderem beziehen, hat in Psychologie promoviert und arbeitet als Umwelt- bzw. Designpsychologin an der Schnittstelle zwischen psychologischer Forschung und Gestaltung. In Designology überträgt sie Erkenntnisse aus der Forschung auf konkrete Designentscheidungen.
Menschen sind komplex. Neben Persönlichkeit spielen Alltag, Lebenssituation, Erfahrungen, Gewohnheiten, kulturelle Prägung und die eigene Wohngeschichte eine Rolle. Ein Paar kann denselben Raum vollkommen unterschiedlich wahrnehmen. Und jemand kann Art Déco ästhetisch großartig finden und sich zu Hause trotzdem in einer wesentlich reduzierteren Umgebung wohler fühlen. Geschmack und Wohnbedürfnisse sind miteinander verbunden, aber nicht identisch.
Falls Scandi, Japandi und Mid-Century für dich längst Interior-Grundwortschatz sind: sehr gut. Dann erhöhen wir kurz den Schwierigkeitsgrad:
NERD-BOX6 Interior-Stile, mit denen du beim nächsten Dinner angeben kannst. |
Neo DecoNeo Deco interpretiert Art Déco für die Gegenwart: dunkle Hölzer, Marmor, Samt, Glas, Chrom oder Messing, Lack und satte Farben treffen auf zeitgenössische Möbel und weichere Formen. Der Unterschied zum klassischen Art Déco liegt vor allem darin, dass nicht der komplette Raum historisch inszeniert wird. Architectural Digest beschreibt Neo Deco 2026 als kuratiertere, wohnlichere Weiterentwicklung der glamourösen Vorlage. Kurz gesagt: Art Déco, aber ohne Great-Gatsby-Themenparty. ![]() |
Soft BrutalismKlassischer Brutalismus arbeitet mit rohen Materialien, Beton, großen geometrischen Formen und einer gewissen architektonischen Härte. Soft Brutalism behält die skulpturale Klarheit, kombiniert sie aber mit Holz, Naturstein, Textilien, weicheren Formen und mehr Wärme. Architectural Digest verwendet den Begriff bereits für zeitgenössische Interiors. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie schwer Stilgrenzen inzwischen zu ziehen sind: Der Brutalismus darf plötzlich kuscheln. Ein bisschen jedenfalls. ![]() |
Scandinavian MaximalismFalls du bei skandinavischem Design ausschließlich Weiß, Beige und helle Eiche vor Augen hast, lohnt sich ein Blick auf Scandinavian Maximalism. Kräftige Farben, florale und grafische Muster, Kunsthandwerk und Layering haben im skandinavischen Design schon lange Tradition. Livingetc verweist unter anderem auf Designer*innen wie Verner Panton und Nanna Ditzel sowie die farbenreiche Designwelt von Svenskt Tenn. Die aktuelle Wiederentdeckung zeigt eine Seite nordischen Designs, die unser beigefarbenes Scandi-Klischee effektiv zerlegt. ![]() |
Art Nouveau RevivalUnd jetzt können wir unser frisch erworbenes Art-Nouveau-Wissen direkt einsetzen. Beim Art Nouveau Revival kehren geschwungene Linien, florale Formen, Ornament, Glas und handwerkliche Details in zeitgenössische Räume zurück. Das Ergebnis soll nicht aussehen wie ein originalgetreu rekonstruiertes Jugendstilzimmer. Einzelne Elemente werden mit moderner Architektur und aktuellen Möbeln kombiniert. Damit unterscheidet sich die Richtung auch klar von Neo Deco: Art Nouveau ist organischer, rankender und naturbezogener; Neo Deco geometrischer, glamouröser und stärker von Symmetrie geprägt. Die historische Reihenfolge hilft ebenfalls: Art Nouveau/Jugendstil kam zuerst, Art Déco folgte. ![]() |
Space-Age RevivalDas Space-Age Revival holt den Zukunftsoptimismus der 1960er- und 70er-Jahre zurück: Kugel- und Orbformen, Chrom, glänzende Oberflächen, farbiges oder irisierendes Glas und Möbel, die ein kleines bisschen aussehen dürfen, als könnten sie auch auf einem anderen Planeten stehen. Pinterest fasst eine verwandte futuristische Ästhetik 2026 unter Extra Celestial zusammen. Extra Celestial ist allerdings eher ein aktueller Trendname; Space Age hat eine echte Designgeschichte. ![]() |
Italian Radical & Memphis RevivalJetzt wird es wirklich nerdig. Das italienische Radical Design stellte ab den 1960er- und 70er-Jahren viele Vorstellungen davon infrage, wie „gutes“ Design auszusehen und zu funktionieren habe. Daraus entwickelte sich später unter anderem Memphis, die 1981 von Ettore Sottsass und weiteren Designer*innen gegründete Gruppe. Memphis liebte kräftige Farben, geometrische Muster, Laminat, ungewöhnliche Materialkombinationen und Möbel, die sich gelegentlich eher wie Kunstobjekte benehmen. Wer also gerade wieder Möbel mit ungewöhnlichen Proportionen, kräftige Farbkombinationen und bewusst eigenwillige Formen sieht, begegnet nicht unbedingt etwas völlig Neuem. Vieles davon hat nämlich rebellische Vorfahren. ![]() |
Und FunHaus?FunHaus klingt ebenfalls nach neuem Einrichtungsstil, ist derzeit aber eher ein Trendbegriff. Pinterest fasst darunter kräftige Streifen, Zirkusreferenzen, skulpturale Silhouetten und bewusst verspielte Details zusammen; auch die Suche nach „circus interior“ stieg laut Pinterest um 130 Prozent. Ähnlich würden wir Extra Celestial oder Afrohemian Decor derzeit eher als aktuelle Ästhetiken bzw. Trendbegriffe einordnen als als etablierte Einrichtungsstile. Die Interior-Welt ist ziemlich gut darin geworden, neuen ästhetischen Strömungen einen Namen zu verpassen. Ob wir diese Namen in zehn Jahren noch benutzen, ist eine andere Frage. ![]() |
Warum sich die Grenzen zwischen Einrichtungsstilen gerade auflösen
Die neuen Stile verraten schon ziemlich viel über den Zustand des Interior Designs:
Neo Deco nimmt Art Déco und verbindet es mit Contemporary. Soft Brutalism macht eine ursprünglich harte Architektursprache wohnlicher. Scandinavian Maximalism widerspricht unserer gelernten Vorstellung vom skandinavischen Stil. Art Nouveau und Memphis tauchen Jahrzehnte später in neuen Zusammenhängen wieder auf.
Das Neue besteht also oft aus einer guten Mischung des Alten.
Parallel dazu zeichnet sich international noch eine andere Entwicklung ab: Räume werden zukünftig wieder stärker kuratiert, persönlich und über Zeit gewachsen aussehen. Verschiedene Epochen, Vintage, Antiquitäten, Kunst und zeitgenössisches Design dürfen nebeneinander existieren. Statt einer komplett durchgestylten Ästhetik entsteht eine eigene Handschrift.
Houzz bezeichnet diese Entwicklung in seinem aktuellen Fall Design Trends Report 2026 ausdrücklich als „Collected, Layered Interiors“: Die befragten Designprofis berichten von mehr Interesse an Charakter, Geschichte und persönlichem Storytelling statt an „off-the-shelf perfection“.
Das ist kein klar definierter neuer Einrichtungsstil. Und gerade das finden wir daran spannend. Wir nennen unsere eigene Interpretation dieses Gedankens bei Mindful Interiors Modern Layered Living: ein Zuhause, das nicht aussieht, als hätte man es mitsamt Accessoires im Möbelhaus gekauft. Alt darf neben neu stehen, Designstück neben Flohmarktfund, Kunst neben persönlicher Erinnerung. Entscheidend ist, dass daraus gestalterisch ein Ganzes entsteht.
Wie man seine eigene Handschrift findet und warum Pinterest dabei gleichzeitig hilfreich und ziemlich hinterhältig sein kann, ist allerdings eine eigene Geschichte. Dazu bald mehr.
Kann man verschiedene Einrichtungsstile mischen?
Oh ja, wir bitten darum! Verschiedene Einrichtungsstile miteinander zu kombinieren, kann einen Raum sogar besonders interessant machen.
Ein guter Stilmix bedeutet allerdings nicht, wahllos alles zusammenzustellen, was einem einzeln gefällt. Wer mit einem beneidenswert sicheren Gespür für Farben, Formen und Proportionen auf die Welt gekommen ist, bekommt das vielleicht intuitiv hin. Bei den meisten von uns endet „Ich nehme einfach alles, was mir gefällt“ irgendwann eher in zusammengewürfelt als gekonnt eklektisch.
Kontraste funktionieren besonders gut, wenn es gleichzeitig Verbindungen gibt: Eine Farbe taucht an verschiedenen Stellen wieder auf, ein Material zieht sich durch den Raum, Formen nehmen Bezug aufeinander oder sehr unterschiedliche Möbel haben ähnliche Proportionen.
Das heißt nicht, dass alles harmonisch sein muss. Im Gegenteil. Ein antiker Tisch kann gerade deshalb neben einem sehr modernen Stuhl funktionieren, weil beide so unterschiedlich sind.
Eklektische Interiors leben von solchen Spannungen. Die Kunst liegt darin, genug Zusammenhang zu schaffen, damit die Mischung gewollt wirkt und genug Reibung zuzulassen, damit sie interessant bleibt.
Das ist übrigens einer der Gründe, warum „Kauf einfach nur Dinge, die du liebst“ zwar ein sympathischer Interior-Ratschlag ist, aber noch kein Designkonzept.
Welcher Einrichtungsstil passt zu mir?
Wenn du jetzt festgestellt hast, dass du Mid-Century, Wabi-Sabi und Neo Deco magst und ausgerechnet Soft Brutalism auch noch ziemlich gut findest, braucht dich das nicht zu verunsichern.
Einrichtungsstile sollen dir helfen, deinen Geschmack zu verstehen. Sie geben dir Begriffe für Dinge, die du magst, und können eine gute Orientierung sein, wenn du Möbel, Farben und Materialien auswählst.
Aus wohnpsychologischer Sicht interessiert uns aber mindestens genauso sehr, wie du lebst, wie viel visuelle und sensorische Anregung du magst, ob Ordnung für dich selbstverständlich oder tägliche Verhandlungssache ist, ob du gerne Neues ausprobierst, welche Dinge dir etwas bedeuten und welche Umgebung dir hilft, dich zu Hause so zu fühlen, wie du dich fühlen möchtest.
All das lässt sich kaum vollständig in eine Stilbezeichnung packen. Vielleicht liebst du die klaren Formen des Mid-Century, greifst bei Farben eher Richtung Art Déco und möchtest dazu die unperfekten Oberflächen von Wabi-Sabi. Dafür musst du keinen neuen Namen erfinden.
Wenn du deinen Einrichtungsstil nicht eindeutig benennen kannst, ist das also überhaupt kein Problem. Im besten Fall entsteht ohnehin etwas, das sehr viel genauer zu dir passt als jede Stil-Schublade.
Bis dahin nennen wir es einfach dein Zuhause.
Du möchtest aus deinen Ideen ein Zuhause machen, das wirklich zu dir passt?
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Quellen & weiterführende Literatur
Für die wohnpsychologischen Zusammenhänge in diesem Artikel haben wir uns insbesondere auf Dr. Sally Augustin, Designology: How to Find Your PlaceType and Align Your Life with Design gestützt. Augustin ist promovierte Umwelt-/Designpsychologin und beschäftigt sich mit der Anwendung psychologischer Forschung auf die Gestaltung von Räumen und anderen gestalteten Umgebungen.
Für Designgeschichte und aktuelle Stilentwicklungen sind insbesondere diese Quellen relevant: The Metropolitan Museum of Art – Art Nouveau und The Met – Art Déco für die designhistorische Einordnung; Architectural Digest – Neo Deco und Architectural Digest – Soft Brutalism für die aktuellen Weiterentwicklungen; Livingetc – Scandinavian Maximalism; Pinterest Predicts 2026 – FunHaus; 1stDibs – 2026 Interior Designer Trends Survey sowie Houzz – 2026 Fall Design Trends Report für die aktuelle Entwicklung hin zu „Collected, Layered Interiors“.










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